• Laura Mörschburger

Der Trauerprozess - zwischen Tränen und einem Lächeln


Heute ist der 94. Geburtstag meines Großvaters und das erstmal, dass ich ihm nicht persönlich gratulieren kann. Mein Großvater ist für mich einer der wichtigsten, wenn nicht sogar der wichtigste Mensch in meinem Leben (gewesen). Der Tod beendet das Leben eines geliebten Menschen, nicht aber die Liebe zu ihm. Wenn ich an ihn denke, dann kommen mir sofort 1.000 bunte Bilder und Erinnerungen in den Sinn.

Mein Großvater hat es verstanden Beziehungen zu Menschen zu knüpfen. Ob zu Passanten auf der Straße, Freunden, Familie oder zu Letzt auch zum Krankenhauspersonal. Er hat es mit Humor und Gefühl geschafft Menschen zu berühren. Er hat sein Gegenüber wirklich gesehen. Eine Geschichte aus seinem Leben die sein Wesen greifbar macht ist folgende:


Als 18 jähriger während der Kriegsgefangenschaft, wurde er als Dolmetscher eingesetzt. Auf diese Weise hatte er im Gegensatz zu seinen Kameraden, die Möglichkeit an mehr Essenvorräte zu gelangen. Diese Gelegenheit nutzte er, um eben nicht nur für sich und seine Kameraden Vorräte zu besorgen, sondern er kletterte auch unter Lebensgefahr zu dem Nachbarlager - in dem Japaner gefangen waren, um diesen eine extra Ration Essen zukommen zu lassen. Ihm war es wichtig sich im Alltag für Andere einzusetzen. Und das hat er ohne großes Aufsehen gemacht. Er hat einfach seinen Gegenüber wirklich gesehen. Im Krankenhaus hat er jede Schwester nach ihrem Befinden gefragt. Das Besondere daran war, dass er mit seinen blauen, klugen Augen wirklich die Antwort wissen wollte.Er war ehrlich interessiert und hat so das Gespräch „Patient - Krankenschwester“ aufgebrochen und eine Beziehung von Mensch zu Mensch geschaffen.

Wenn ich an ihn denke, dann kommen mir neben den bunten Bildern und Erinnerungen, auch Tränen und der Schmerz über die Tatsache, dass ich diesen Erlebnissen mit ihm keine neuen hinzufügen kann.


Wege um eine neue Beziehung zu dem geliebten Menschen zugestalten

In meinem eigenen Trauerverarbeitungsprozess habe ich gelernt, dass es zwar wichtig ist im äußeren die Abwesenheit des geliebten Menschen zu realisieren und zu akzeptieren - und im Inneren eine neue Beziehung zu ihm zu finde. Um diese neue Beziehung zu gestalten habe ich mir Rituale ausgedacht, um mit seinem Wesen in Kontakt zu sein. Dazu habe ich mir zunächst überlegt was ihn besonders macht, was seine Eigenheiten waren. Dafür war es unglaublich hilfreich eine lange Liste aufzuschreiben, Diese Liste ergänze ich auch jetzt noch. Das hilft übrigens auch gegen die Angst, den geliebten Menschen zu vergessen. Und dabei ist dann auch schon das erste Ritual entstanden, nämlich die Liste zu lesen und mich einfach an den geliebten Menschen erinnern. Im zweiten Schritt habe ich mir dann überlegt was mir besonders fehlt, was ich vermisse und wie ich diese Eigenschaft in mein Leben integrieren kann.


Meine Rituale, um sein Wesen in mein Leben zu integrieren

Mein Großvater fehlt mir in so vielen Augenblicken. In offensichtlichen und in Momenten, in denen ich nie damit gerechnet hätte. Einer der kleinen Momente war in einem Augenblick, indem ich gemerkt habe, dass ich ihn jetzt um ein Taschentuch bitten würde. Mein Großvater hatte immer Taschentücher und einen Stift eingesteckt, also habe ich neben das Bild das von ihm in meinem Arbeitszimmer steht eine Packung Taschentücher gelegt und einen Kugelschreiber. Wenn ich jetzt ein Taschentuch brauche, gehe ich immer zu dem Bild, guck es mir kurz an und bedanke mich bei ihm. Dieses Ritual bringt mich zum schmunzeln.


Es gibt aber auch andere Dinge die ich (noch) nicht kann, wenn beispielsweise im Radio seine Lieblingsmusik kommt, dann kommen mir die Tränen und ich möchte nichts lieber als mit ihm seine Musik zu hören. Aber auch das ist ok und das darf sein. Es ist so wichtig seiner Trauer Zeit zu lassen. Niemand kann dir vorschreiben wie lange deine Trauer dauert!

Eine anderer Wesenszug an ihm war, dass mein Großvater freudig, aber auch mutig auf das Leben zu geschritten und hat es voll in Empfang genommen. Er es geschafft hat aus dem Alltag etwas Besonderes zu machen. Er hat es verstanden sich über die kleinen Dinge zu freuen, den Alltag zu einem Spiel zu machen. Bewusst und Dankbar zu sein. Mein Großvater war ein Meister darin, Geschichten zu erzählen und den Alltag so zu inszenieren, dass er etwas Besonderes wird. Ich bin unglaublich dankbar, dass er mir diese Haltung beigebracht hat und mir ist es wichtig, diese weiterzugeben. Daher möchte ich Dich einladen, das Leben zu feiern, und vielleicht an der ein oder anderen Stelle mit einem Augenzwinkern in den Himmel, den Alltag für jemand anderen, zu etwas Besonderem zu machen.



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